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Süßes, tödliches Gift
Führende Mediziner nennen künftige Gesundheitsrisiken - Diabetes wird Todesursache Nummer eins
Von Heike Jänz

Mediziner analysieren die Krankheiten der Zukunft. Wichtigster Befund: Immer mehr Menschen werden an Diabetes erkranken - und daran sterben. Schuld sie ungezügelte Lust am Essen und Bewegungsmangel.

Berlin - Wenn Mediziner in die Zukunft blicken, erwartet der Laie meist Ideen zu Therapien oder Visionen über die Ausrottung aller Krankheiten. Die Ergebnisse der medizinischen Zukunftsschau, die gestern in Berlin
präsentiert wurde, drehen sich jedoch um eine ganz andere Frage: 100 führende Forschungsexperten Deutschlands aus Industrie und Wissenschaft beschäftigten sich erstmals in einer Umfrage mit dem Problem, an welchen Krankheiten die Menschen in Deutschland zukünftig leiden und sterben werden.

Die Ergebnisse der vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Auftrag gegebenen Umfrage: Die Volkskrankheit Diabetes, bislang noch an zehnter Stelle der Todesursachen, wird in der Zukunft deutlich mehr Menschen das Leben kosten. Und Herzkreislauferkrankungen, meinen drei von vier Experten, werden in Form von Herzinfarkten und Schlaganfällen ebenfalls deutlich häufiger werden. Auch Demenzerkrankungen seien aufgrund der Überalterung der Gesellschaft im Vormarsch.

Die größte Gefahr geht nach Meinung der Forscher allerdings von der Blutzuckerkrankheit Diabetes aus.
69 Prozent der Experten, die zu zwei Dritteln öffentlichen Forschungseinrichtungen und zu einem Drittel der Industrie angehören, meinen, daß die Stoffwechselstörung bald zu den häufigsten Todesursachen zählen wird. "Diabetes ist die am meisten unterschätzte Krankheit", so Götte. In den letzten 50 Jahren sei die Zahl der Diabetiker um das Zwanzigfache angestiegen. "Heute leiden etwa sechs Millionen Menschen an Diabetes", so Götte. "Wir erwarten bis zum Jahr 2010 einen Anstieg um 50 Prozent, dann sind neun Millionen betroffen."

Grund für die pessimistische Einschätzung einer explosionsartigen Ausbreitung ist, daß immer mehr Menschen zu dick sind: Allein jedes fünfte Kind in Deutschland ist überwichtig, acht Prozent der Kinder leiden sogar unter Fettsucht. Übergewicht, falsche Ernährung und mangelnde Bewegung zählen aber zu den wichtigsten Risikofaktoren für den so genannten Typ 2-Diabetes, der in vielen Fällen vermeidbar wäre. Er entsteht, weil die Körperzellen durch den dauerhaft zu hohen Blutzuckerspiegel nicht mehr auf das Hormon Insulin reagieren können. Diese Insulinresistenz tritt normalerweise erst im Alter auf, so daß man auch von Altersdiabetes spricht. Immer häufiger trifft diese Krankheit inzwischen aber auch übergewichtige Kinder. Im Gegensatz dazu ist der Typ-1-Diabetes weit häufiger genetisch bedingt, tritt schon im Jugendalter auf und entsteht wahrscheinlich durch eine Autoimmunreaktion des Körpers.

Der Typ-2-Diabetes verschlingt in Deutschland jährlich mehr als 27 Milliarden Euro Behandlungskosten, denn die Erkrankung hat schwerwiegende Folgen: Die Arterien verstopfen, die Nieren verlieren ihre Funktionstüchtigkeit, viele Patienten erblinden. Außerdem müssen jedes Jahr 36 000 Amputationen bei Diabetikern vorgenommen, weil die Durchblutung in Zehen, Fuß oder sogar im ganzen Bein versagt. Hinzu kommen jährlich Kosten von etwa 13 Millionen Euro durch Arbeitsausfälle.

Während die besten Maßnahmen gegen den Typ 2-Diabetes - nämlich gesunde Ernährung, Bewegung und Gewichtsreduktion - noch immer vernachlässigt werden, fließen in Deutschland derzeit mehr als 80 Millionen Euro jährlich in die Entwicklung neuer Insuline und anderer Diabetes-Medikamente. "Forschung ist natürlich notwendig", meint Studienleiter Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité die Entwicklung. "Viel wichtiger wäre aber, Präventionsprogramme und Aufklärungskampagnen finanziell zu unterstützen."

Neben dem Diabetes werden weiterhin Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall, Infarkt oder Herzschwäche eine wichtige Rolle spielen. Das befürchtet knapp die Hälfte der befragten Experten. Diese Erkrankungen führen derzeit die Liste der Todesursachen laut Statistischem Bundesamt an: Im Jahr 2003 starben daran mehr als 250 000 Menschen. Ursachen sind insbesondere Bluthochdruck, Störungen im Fettstoffwechsel oder das Rauchen. "Bildung, Einkommen und Beruf spielen bei diesen Krankheiten eine große Rolle", erläutert Stefan Willich.
"Denn je gebildeter ein Mensch ist, desto besser ernährt er sich, je mehr er verdient, desto mehr kann er auch für Essen oder ein Sportstudio ausgeben."

Zuversichtlich sind die Experten jedoch, was die Fortschritte in der Therapie dieser Krankheiten angeht: 84 Prozent etwa glauben, daß sich die Behandlung von Herzinfarkten in den nächsten fünf Jahren deutlich verbessern wird.

Die Demenzerkrankungen hingegen stellt Gesellschaft und Forschung weiterhin vor ein großes Problem: Trotz intensiver Forschung fehlt noch immer eine heilende Arznei.

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